Himalaya

Himalaya

Menschen und Mythen. Erzählungen

von Alice Grünfelder

E-Book
Reihe: Bücher fürs Handgepäck Band
320 Seiten
2019 Unionsverlag
ISBN 978-3-293-30189-4

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Kurztext / Annotation
Kunzang Choden begibt sich auf die Suche nach dem Yeti Ma Yuan ist erschüttert von der rauen Bergwelt Kanak Mani Dixit hält nicht viel vom Shangrila-Mythos Jin Zhiguo hat Mühe, den Pilgern über die Bergpässe zu folgen Shankar Lamichhane warnt vor dem täuschenden Licht der untergehenden Sonne Tsewang Yishey Pema führt und in die Höhle eines Eremiten Dor Bahadur Bista erzählt von der Mühsal, mehrere Frauen zu haben Gyalpo Tsering leidet mit den tibetischen Flüchtlingen in Indien Kumar Sanyal Prabodh sinniert über Sonderlinge, die im Himalaya ihr Glück suchen Tenzing Norgay ist nach der Eroberung des Mount Everest der glücklichste Mensch der Welt Sirish Rao glaubt nicht an den Sinn des Bergsteigens Deepak Thapa will mehr Achtung für die Sherpas H.P.S. Ahluwalia weiß, dass es Wichtigeres im Leben gibt als einen Gipfelsieg Dies und vieles mehr über den Himalaya ...

Alice Grünfelder studierte, nach einer Buchhändlerlehre und einem längeren Asienaufenthalt, Sinologie und Germanistik in Berlin und Chengdu. Zahlreiche Reisen führten sie auch nach Tibet. Sie arbeitete als Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, anschließend gründete sie in Berlin eine Agentur für Literaturen aus Asien. Von 2004 bis 2010 betreute sie als Lektorin die Türkische Bibliothek im Unionsverlag. Seither ist sie als freie Lektorin, Übersetzerin und Literaturvermittlerin tätig.

Textauszug
Welchen Himalaya hätten Sie gern?

Kanak Mani Dixit

W illkommen im Himalaya! Merkwürdige Dinge geschehen hier, denn dies ist das Land der Mystik, dem Himmel nah und doch so irdisch. Wer auf einem Hügel am Rand des Kathmandu-Tals steht, kann die Erdkrümmung als 450°Kilometer lange Schneekurve sehen, die sich vom Gipfel des Kangchendzönga im Osten bis zum Dhaulagiri im Westen windet. Wer aus dem Space-Shuttle zum Himalaya hinabsieht, entdeckt einen gekrümmten Tausendfüßler, der aus den Steppen Zentralasiens nach Süden rutscht.

Dies ist der gewaltigste Gebirgszug des Globus, bewohnt von 40 Millionen Menschen. Geografie, Klima und Geschichte haben hier so viele unterschiedliche Kulturen entstehen lassen wie in kaum einer anderen Region dieser Welt.

Doch der Himalaya hat ein Imageproblem. Es ist ein Problem, das sich andere Drittweltregionen wünschten: die Verklärung bis zur Unkenntlichkeit. Der Westen mythologisiert den Himalaya, um dort sein "Shangri-La" bewahren zu können, jenes Land, in dem nicht Materialismus und Konsumdenken vorherrschen, sondern Spiritualität das Handeln der Menschen lenkt.

Natürlich ist das ein Trugbild. Von den Balti im Karakorum bis zu den Naga im äußersten Osten treibt die Völker des Himalaya ein ähnliches Erwerbsstreben voran wie den Rest der Menschheit. Der einzige Unterschied: Sie sind spät dran. Die geografische und historische Isolation verhinderte lange Zeit ihren Anschluss an die moderne Warenwelt. Doch sobald das Angebot da ist, entsteht die Nachfrage.

Ein alltägliches Beispiel mag für zahllose stehen: Als 1994 erstmals Hubschrauber in der oberen Everest-Region landeten, was tat da, im Bergdorf Thame, das weibliche Oberhaupt einer Großfamilie? Die Frau benachrichtigte sogleich ihren Sohn in Kathmandu, dass er einen Sack Kunstdünger hinauffliegen lassen sollte.

Doch derlei Ereignisse werden ausgespart von jenen, die den Rohstoff liefern für den Mythos Shangri-La: von Schriftstellern, Bergsteigern, Reiseagenturen. Und von Filmemachern wie Bernardo Bertolucci. Dessen Film Little Buddha , gedreht 1993, illustriert den Hang zur Verzuckerung. Um Siddhartha Gautamas Wandel vom verwöhnten Prinzen zum asketischen Guru darzustellen, nimmt uns der Regisseur des Letzten Tangos in Paris mit zu den imposanten Klöstern Bhutans und den Reisterrassen im Kathmandu-Tal. Doch von der Region, in der Buddha tatsächlich gelebt und gepredigt hat, dem staubigen Tiefland im indischen Bihar, sehen wir fast nichts.

All dies hat plausible Gründe. Wer zu den Galapagosinseln reist, ist an Naturgeschichte interessiert. Ans Mittelmeer zieht die Touristen die Lust auf Strand und Sonne, nach Kenia fahren sie wegen der Safaris. Am Himalaya reizen sie vornehmlich zwei Dinge: die majestätischen Berge und die tibetisch-buddhistische Kultur. Und weil beides zusammenhängt - viele Bergvölker verehren die Gipfel als Götterthrone -, weil hier Mensch und Natur in vermeintlicher Eintracht leben und weil zudem der Westen diese Welt Ende der Sechzigerjahre "entdeckte", zu einer Zeit, als sich bei den wohlhabenden Nationen die ersten Sättigungsgefühle einstellten und sie sich auf die Suche nach spirituellen Gegenentwürfen begaben -, weil also all dies so ist, lebt Shangri-La noch heute. Die Gralsburg des Glaubens, erfunden von dem Romanschriftsteller James Hilton vor rund sechzig Jahren, liegt hoch oben im wolkenumwölbten Himalaya.

Die Hartnäckigkeit des Mythos erstaunt insbesondere jene Völker, die in den mittleren Lagen des Himalaya leben, größtenteils Hindus. Mit Verwirrung und Enttäuschung verfolgen sie, wie die Touristen ohne weiteren Seitenblick zu den Hochtälern aufsteigen. Ausgerechnet diese abweisenden Regionen, von den Bewohnern der grünen Mittelgebirge lange Zeit verachtet als Heimat rückständiger Völker aus Tibet, stehen bei den reichen Ausländern im Mittelpunkt des Interesses

Beschreibung für Leser
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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