Das Alter der Gefühle

Das Alter der Gefühle

Über die Bedeutung der emotionalen Entwicklung bei geistiger Behinderung

von Tanja Sappok; Sabine Zepperitz

E-Book
206 Seiten
2019 Hogrefe Verlag Bern (ehemals Hans Huber)
ISBN 978-3-456-95955-9

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Inhaltsverzeichnis
1;Das Alter der Gefühle;1
1.1;Inhalt;9
1.2;Vorwort zur aktualisierten Auflage;13
1.3;Vorwort zur ersten Auflage;15
1.4;1 Emotionale Entwicklung - eine Einfu?hrung;17
1.4.1;1.1 Emotion und Kognition im Dialog;18
1.4.2;1.2 Konzeptualisierung von "emotionaler Entwicklung";20
1.4.3;1.3 Die Entwicklung des emotionalen Gehirns;22
1.4.4;1.4 Die Neuroanatomie des emotionalen Gehirns;23
1.4.5;1.5 Entwicklungstheorien und Entwicklungsaufgaben;26
1.4.5.1;1.5.1 Emotionale Referenzierung;26
1.4.5.2;1.5.2 Objektpermanenz;30
1.4.5.3;1.5.3 Bindung;31
1.4.5.4;1.5.4 Theory of Mind: Mentalisierungsfähigkeit;32
1.4.5.5;1.5.5 Emotionsentwicklung;35
1.4.5.6;1.5.6 Affektregulation;36
1.4.5.7;1.5.7 Emotionale Bedu?rfnisse;37
1.4.6;1.6 Der entwicklungsbasierte Ansatz und Erwachsensein;40
1.5;2 Emotionale Entwicklungsphasen der Skala der Emotionalen Entwicklung - Diagnostik (SEED);43
1.5.1;2.1 SEED-Phase 1: Adaption (Referenzalter: 1.-6. Lebensmonat) - SYMBIOSE;44
1.5.2;2.2 SEED-Phase 2: Sozialisation (Referenzalter: 7.-18. Lebensmonat) - SICHERHEIT;47
1.5.3;2.3 SEED-Phase 3: ErsteIndividuation (Referenzalter:19.-36. Lebensmonat) - AUTONOMIE;50
1.5.4;2.4 SEED-Phase 4: Identifikation (Referenzalter 4.-7. Lebensjahr) - ICH-BILDUNG;53
1.5.5;2.5 SEED-Phase 5: Realitätsbewusstsein (Referenzalter:8.-12. Lebensjahr) - ICH-DIFFERENZIERUNG;57
1.5.6;2.6 SEED-Phase 6: Zweite Individuation (Referenzalter:13.-18. Lebensjahr) - IDENTITÄT;59
1.6;3 Die Erhebung des emotionalen Entwicklungsstands;63
1.6.1;3.1 Die Skala der Emotionalen Entwicklung - Diagnostik: SEED;63
1.6.2;3.2 Die Erhebung des emotionalen Entwicklungsstands mit der SEED;64
1.6.3;3.3 Die Auswertung der SEED;65
1.6.4;3.4 Die Erhebung der SEED und Ableitung pädagogischer Interventionen am Fallbeispiel;66
1.6.5;3.5 Andere Verfahren zur Entwicklungsdiagnostik;68
1.7;4 SEED: Die Meilensteine der emotionalen Entwicklung;75
1.7.1;4.1 Domäne 1: Umgang mit dem eigenen Körper;78
1.7.2;4.2 Domäne 2: Umgang mit Bezugspersonen;80
1.7.3;4.3 Domäne 3: Umgang mit Umgebungsveränderungen - Objektpermanenz;84
1.7.4;4.4 Domäne 4: Emotionsdifferenzierung;86
1.7.5;4.5 Domäne 5: Umgang mit Peers;90
1.7.6;4.6 Domäne 6: Umgangmit der materiellen Welt;92
1.7.7;4.7 Domäne 7: Kommunikation;95
1.7.8;4.8 Domäne 8: Affektregulation;98
1.8;5 Verhaltensstörungen;103
1.8.1;5.1 Der emotionale Entwicklungsstand als Schlu?ssel zum Verständnis von Verhaltensstörungen;105
1.8.2;5.2 Emotionale Entwicklung und Verhaltensstörungen: Ein Fallbeispiel;109
1.8.3;5.3 Umschriebene emotionale Entwicklungsstörungen;111
1.8.3.1;5.3.1 Phase 1: Die Kontaktstörung;111
1.8.3.2;5.3.2 Phase 2: Die desintegrierte Verhaltensstörung;113
1.8.3.3;5.3.3 Phase 3: Die desorganisierte Verhaltensstörung;114
1.8.3.4;5.3.4 Phase 4: Die Identifikationsstörung;115
1.8.4;5.4 Nichtbeachtung des emotionalen Entwicklungsstands;117
1.9;6 Psychische Störungen;119
1.9.1;6.1 Die Bedeutung des emotionalen Entwicklungsstands fu?r die Entstehung psychiatrischer Störungen;119
1.9.2;6.2 Psychiatrische Störungen und emotionale Entwicklung im Dialog;120
1.9.3;6.3 Das Dilemma der Kategorisierung;124
1.10;7 Die Umsetzung des emotionalen Entwicklungsansatzes in der heilpädagogischen Praxis;127
1.10.1;7.1 Allgemeine Aspekte;127
1.10.2;7.2 Besonderheiten im Kindes- und Jugendalter;129
1.11;8 Entwicklungsbasierte Betreuungs- und Behandlungsansätze;135
1.11.1;8.1 Fallbeispiel fu?r SEED-Phase 1;135
1.11.2;8.2 Fallbeispiel fu?r SEED-Phase 2;138
1.11.3;8.3 Fallbeispiel fu?r SEED-Phase 3;141
1.11.4;8.4 Fallbeispiel fu?r SEED-Phase 4;143
1.11.5;8.5 Fallbeispiel fu?r SEED-Phase 5;145
1.11.6;8.6 Fallbeispiel fu?r SEED-Phase 6;146
1.12;Resu?mee;148
1.13;9 Pädagogische Interventionen;149
1.14;10 Entwicklungsbasierte, multiprofessionelle Fallkonferenzen - Grenzen und Chancen;167
1.15;Schlussbetrachtung;187
1.16;Danksagung;189
1.17;Definitionen und Abku?rzungen;191
1.18;Literaturverzeichnis;195
1.19;Die Au

Kurztext / Annotation
Geistige Behinderung ist kein rein kognitives Problem, auch die (sozio-)emotionale Entwicklung kann beeinträchtigt sein und verzögert oder unvollständig ablaufen. Dadurch entstehen unter Umständen schwere Verhaltensauffälligkeiten und in der Folge psychische Störungen. Dies kann zu weitreichenden Konsequenzen wie vermeidbaren Krankenhausaufenthalten, hohen psychopharmakologischen Behandlungen, Arbeits- und Wohnplatzverlust bis hin zur Exklusion aus der Gesellschaft führen. Unter Einbezug des emotionalen Entwicklungsaspekts ermöglichen Tanja Sappok und Sabine Zepperitz einen neuen, ganzheitlichen Blick auf Menschen mit geistiger Behinderung. Verhaltensauffälligkeiten können vor diesem Hintergrund besser verstanden und zielgerichtete pädagogisch-therapeutische Maßnahmen eingeleitet werden. Die Autorinnen tragen mit 'Das Alter der Gefühle' dazu bei, die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung substanziell zu verbessern, indem sie allen im Gesundheitswesen und in der Eingliederungshilfe Tätigen ein wirksames Hilfsmittel zur Hand geben, um die damit verbundenen Herausforderungen zu meistern. Das Buch wurde für die zweite Auflage grundlegend überarbeitet - es wurde unter anderem an das neue Diagnostikinstrument SEED angepasst, das Zusammenspiel von emotionaler Entwicklung und psychischer Erkrankung wird neu thematisiert und das Entwicklungsmodell um die Phase der 2. Individuation bzw. der Adoleszenz erweitert.

Textauszug
1 Emotionale Entwicklung - eine Einführung

Eine Anfang 20-jährige Frau mit schwerer intellektueller Entwicklungsstörung kratzt und beißt sich selbst und läuft unruhig durch die Räume. Die Unruhe tritt vor allem in Wartesituationen auf oder wenn es ihr körperlich nicht gut geht, z. B. bei Hunger. Sie kann nicht alleine essen oder sich anziehen. Oft genügt sie sich selbst, schaukelt, kuschelt sich gerne auch tagsüber mal in ihr Bett, zwirbelt ihr Haar oder kaut auf einem Gummitier herum. An Mitbewohnern hat sie keinerlei Interesse und sucht nur den Kontakt zu den Betreuern. Sie lebt in einer Wohngruppe mit sieben weiteren Mitbewohnern und arbeitet acht Stunden täglich in einer externen Fördergruppe (2-Milieu-Prinzip).

Ein Mitte 20-jähriger Mann mit mittelgradiger intellektueller Entwicklungsstörung kann sich nicht allein beschäftigen, wirkt innerlich getrieben und läuft viel umher. Immer wieder wendet er sich wahllos an Betreuungspersonal, ist distanzlos und jammert, besonders wenn sich die Betreuer mit jemand anderem beschäftigen. Beharrlich setzt er seinen eigenen Willen durch. Ansonsten ist er ein freundlicher, neugieriger Mensch, der einfache Zusammenhänge und Symbolfunktionen verstehen kann. Seine Unruhe und seine beständige Suche nach Zuwendung sind für die Mitarbeiter so belastend, dass ihm sein Werkstattplatz gekündigt wurde. Die Situation in der Wohngruppe verschärft sich dadurch weiter, weil er den ganzen Tag zu Hause ist.

Diese Beispiele machen deutlich, dass Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung häufig Verhaltensweisen zeigen, die ihre Ahörigen, Betreuenden und Fachleute im Gesundheitswesen herausfordern. Um diese besser zu verstehen und einen angemessenen Umgang damit finden zu können, sollte neben der körperlichen und intellektuellen auch die emotionale Entwicklung betrachtet werden. Im Umgang mit Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung orientieren wir uns zunächst am Lebensalter und an den kognitiven Fähigkeiten, wohingegen das emotionale Entwicklungsalter häufig nicht bekannt ist und daher wenig berücksichtigt wird (vgl. Abbildung 1). Daraus können Überforderungssituationen entstehen, die zu schweren Verhaltensstörungen oder gar zu psychischen Krankheiten wie z. B. Depressionen führen können.

Das kognitive Alter entspricht bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung immer einem niedrigen Referenzalter, als das biologische Alter vorgibt. Insbesondere bei Verhaltensstörungen oder psychischer Erkrankung ist das emotionale Referenzalter im Vergleich zur kognitiven Entwicklung noch niedriger.

Beschreibung für Leser
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