Im Haus des Kalifen

Im Haus des Kalifen

Ein Jahr in Casablanca

von Tahir Shah

E-Book
Reihe: National Geographic Taschenbuch Band 324, National Geographic Adventure Press Band , Piper Edition Band
Übersetzt von: Andrea O'Brien
368 Seiten
2019 Piper Verlag
ISBN 978-3-492-98558-1

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Kurztext / Annotation
Ein Klassiker der modernen Reiseliteratur von Bestseller-Autor Tahir Shah - im Herzen von Marokko
Tahir Shah begibt sich in ein großes Abenteuer: Zusammen mit seiner Familie verlässt er das regnerische London und wagt den Neuanfang im sonnigen Marokko, dem Reiseland seiner Kindheit. Auf der Suche nach den eigenen vier Wänden stößt er auf das "Haus des Kalifen", ein heruntergekommenes herrschaftliches Anwesen in Casablanca. Augenscheinlich ein Objekt der Begierde - und aufwendiger Renovierungsarbeiten. Was die Familie beim Einzug noch nicht ahnen kann: mit dem Erwerb des Hauses erbt sie nicht nur drei eigensinnige Diener, sondern auch einen äußerst umtriebigen Hausgeist. Der Beginn einer turbulenten, hintergründigen und höchst unterhaltsamen Geschichte.

Tahir Shah, 1966 geboren und in England aufgewachsen, entstammt einer angesehenen afghanischen Familie und arbeitet als Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Fotograf. Bei MALIK NATIONAL GEOGRAPHIC erschienen von ihm bereits "Der Zauberlehrling von Kalkutta" und "Im Haus des Kalifen". Er lebt mit seiner Frau Rachana und seinen Kindern Ariane und Timur in Casablanca.

Textauszug
1

Zwei Weidenhalme trinken aus demselben Bach. Einer ist hohl, der andere ist ein Zuckerrohr.

Marokkanisches Sprichwort

In der Stille der Abenddämmerung lag Traurigkeit. Im Café drängten sich langgesichtige Männer in langen Gewändern, nippten an schwarzem Kaffee und rauchten dunklen Tabak. Ein Kellner bahnte sich, das Tablett mit einem Glas auf seinen ausgestreckten Fingerspitzen balancierend, einen Weg zwischen den Tischen. In diesem Augenblick wurde der Tag zur Nacht. Die Sitzenden zogen kräftig an ihren Zigaretten, husteten und starrten auf die Straße. Einige hingen ihren Sorgen nach, andere tagträumten oder saßen einfach schweigend da. Dasselbe Ritual spielt sich jeden Abend überall in Marokko ab, dem Wüstenreich im Nordwesten Afrikas, das sanft an die Atlantikküste stößt. Als die letzten Sonnenstrahlen erloschen waren, setzten die Gespräche wieder ein, und das Gemurmel unaufgeregter Stimmen überlagerte die Geräusche des Verkehrs.

Auf mich wirkte dieses in einer Hintergasse Casablancas gelegene Café geheimnisvoll - es war ein Ort, der eine Seele besaß, ein Ort, an dem ich Gefahren witterte. Mir war, als hätte man das Auffangnetz entfernt und als balancierte jeder Einwohner auf dem Hochseil dieser Welt, der Welt der Wirklichkeit. Ich sehnte mich danach, eine solche Stadt nicht nur auf der Durchreise zu erleben. Ich wollte in einer solchen Stadt leben.

Meine Frau Rachana war mit unserem zweiten Kind schwanger und hatte von Anfang an Bedenken. Diese verstärkten sich noch, als ich sie mit Feuereifer davon zu überzeugen versuchte, dass ein gewisses Maß an Unsicherheit und Gefahr im Leben wichtig seien. Sie entgegnete, unsere Kinder bräuchten ein sicheres Zuhause und könnten ihre Kindheit durchaus in einer weniger exotischen Umgebung verbringen. Ich erhöhte den Einsatz und versprach ihr eine Köchin, ein Dienstmädchen, eine ganze Armee von Kindermädchen und Sonnenschein - endlosen, glorreichen Sonnenschein. Seit ihrem Umzug aus Indien vor acht Jahren hatte Rachana am trüben Londoner Himmel kaum einen Blick auf die Sonne erhaschen können. Sie hatte fast vergessen, wie die Sonne aussah. Ich erinnerte sie an das, was wir vermissten - das helle Licht der gelben Morgensonne, das durch die Schlafzimmervorhänge drang, summende Hummeln in den Blüten des Gartengeißblatts, köstliche Düfte, die durch enge Gassen zogen, wo Marktstände voller Gewürze in bunter Farbenpracht erstrahlten - Paprika und Kurkuma, Zimt, Kreuzkümmel und Bockshornkleesamen. All das in einem Land, in dem die Familie noch den Mittelpunkt des Lebens bildete, wo sich Traditionen hartnäckig hielten, wo Kinder in Ruhe aufwachsen und erfahren konnten, was Ehre, Stolz und Respekt bedeuten.

Ich war unserer armseligen Existenz und den beengten Räumlichkeiten unserer Wohnung müde, hatte es satt, vom Lärm der streitenden Nachbarn, der durch unsere dünnen Wände drang, belästigt zu werden. Ich wollte in ein wirklich stattliches Haus entfliehen, ein Fantasiegebäude, das von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht inspiriert wurde, mit Bögen und Säulengängen, hoch aufragenden, aus duftendem Zedernholz gefertigten Türen, mit Innenhöfen, die versteckte Gärten bargen, Springbrunnen, Plantagen mit Obstbäumen und Aberdutzenden Zimmern.

Jeder, der schon einmal versucht hat, von der immerfeuchten englischen Küste in neue Gefilde aufzubrechen, wird erlebt haben, dass es dazu einer langen Liste von Gründen bedarf. Ich habe mich oft gefragt, wie es den Pilgern auf der Mayflower überhaupt je gelungen war, sich auf den Weg zu machen. Freunde und Familie betrachten uns Möchtegernaussteiger als völlig verrückt. Meine waren da keine Ausnahme. Zuerst ernteten meine Auswandererpläne bei ihnen lediglich Spott, doch als ihnen klar wurde, dass ich es nicht auf die üblichen Ziele wie Südfrankreich oder Spanien abgesehen hatte, meldeten sie sich lautstark und unmissverständlich zu Wort. Sie bezeichneten mich als ve

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