Gebrauchsanweisung fürs Scheitern

Gebrauchsanweisung fürs Scheitern

von Heinrich Steinfest

E-Book
224 Seiten
2019 Piper ebooks
ISBN 978-3-492-99514-6

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Kurztext / Annotation
Das Scheitern beginnt früh, darin besteht seine Macht. Natürlich, wir lernen, uns gegen die beständige Kraft der Misserfolge zu stemmen. Der eingebildeten wie der tatsächlichen. Weshalb wir auch ein solches Theater um Triumphe, Goldmedaillen oder Intelligenzquotienten machen. Es ist unser Weg, gegen all die Beschränkungen, die uns Gott oder die Natur auferlegt haben, anzukämpfen. Zugleich studieren wir begeistert das vertraute und fremde Unglück, die Fehlschläge und Blamagen. Heinrich Steinfest beschäftigt sich mit der philosophischen Seite des Scheiterns ebenso wie mit der praktischen, dem Scheitern beim Kochen, in der Liebe und der Kunst, erzählt vom spirituellen Scheitern und dem Versuch, einen gewissen Mr. Ku im Tischtennis zu schlagen.

Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart - das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit "Ein dickes Fell"; 2014 stand er mit "Der Allesforscher" auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für "Das Leben und Sterben der Flugzeuge", 2018 wurde "Die Büglerin" für den Österreichischen Buchpreis nominiert, zuletzt erschien von ihm bei Piper "Der schlaflose Cheng".

Textauszug
Die gescheiterte Hoffnung

Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach,
wie du nicht verlierst.

Funakoshi Gichin,
Die 20 Regeln

Denke nicht ans Verlieren, doch denke darüber nach,
wie du nicht gewinnst.

Unbekannter Mann

Als ich vielleicht zehn, elf Jahre alt war, fiel mir ein Buch über Segelboote in die Hände. Dieser Bildband war sicher der Ausgangspunkt vieler in meiner Jugend angefertigter Zeichnungen derartiger Boote, so wie dieses Buch vielleicht auch sehr viel später dazu beigetragen hat, dass einige Segelszenen in meinen Romanen auftauchten. Ich selbst war allerdings nur ein einziges Mal segeln, so mit vierzehn etwa, ein Wochenendausflug mit meinem oft absenten Vater und meinem Bruder. Ein Ausflug, der seinen Höhepunkt darin fand, dass wir auf dem für seine geringe Wassertiefe bei gleichzeitiger Gefährlichkeit bekannten Neusiedler See kenterten. Wir waren nicht die Einzigen. Überall auf dem von starkem Wind aufgepeitschten Wasser sah man die liegenden Boote von Ausflüglern. Es hatte etwas von einer Regatta für Waagrechtsegler.

Mein Vater war ein aus vielen Demütigungen heraus entstandener Mann des Siegens, den dieses Missgeschick schrecklich ärgerte und der keinesfalls vom Bootsverleiher gerettet werden wollte, welcher an diesem Tag sein Geschäft weniger mit dem Verleih der Boote als ihrer Rückholung machte.

Wir standen da im Wasser, die Füße im weichen Schlamm wie in einer saugenden Muschel, und versuchten unter den Anweisungen meines Vaters, das Boot wieder in die Senkrechte zu befördern. Ich meine, mich an meine Angst zu erinnern, Angst vor dem Wasser, Angst, etwas falsch gemacht zu haben, Angst, dieses Boot nie und nimmer zum "Aufstehen" bewegen zu können. Eher schien mir das Boot wie eines dieser in Wildwestfilmen umgeschossenen Pferde, einerseits. Andererseits empfand ich mit großer, berauschender Plötzlichkeit, wie sich hier ein ersehnter Zustand einstellte: Familie zu sein. In diesem Moment des Scheiterns und der Angst spürte ich eine große Nähe zu dem während seiner seltenen Besuche mir stets so fremden Erzeuger. Einen verrückten Moment lang dachte ich mir, dass dieser "Unfall" uns auf ewig zusammenschweißen würde. Aber klar, wir mussten natürlich zusehen, der Schmach des Abgeschleppt-und-aus-dem-Wasser-gezogen-Werdens zu entkommen, schafften es tatsächlich, das "Pferd" wieder auf die Beine zu befördern, wären dann aber beim Hineinklettern beinahe erneut gekentert... Fast wünschte ich mir eine kleine, uns verbindende Komödie wiederholten Kenterns.

Doch wir blieben oben und begannen, mit einem Eimer und bloßen Händen das Wasser aus dem Inneren des Boots zu schöpfen. Um in der Folge unter einigen Mühen an einen Ufersteg zu gelangen, ein Abflauen des Windes abzuwarten und schließlich die Rückfahrt anzutreten. Es gelang. Sehr zum Erstaunen des Bootsverleihers, der gehofft hatte, uns kostenpflichtig retten zu müssen. Nachher erhielt diese Geschichte innerhalb der Familienhistorie diverse Ausschmückungen, die den Sturm heftiger, die Situation dramatischer und den Ärger des Bootsverleihers ärgerlicher erscheinen ließen. Ich dachte noch lange an diese gewisse familiäre Verbundenheit, als wir da mit einem Mal im Wasser standen. Das Glück im Moment des Scheiterns und weniger im Moment des Gerade-noch-davongekommen-Seins.

Es war also drei, vier Jahre davor, als ich auf besagtes Buch übers Segeln stieß, einen Band mit vielen tollen Bildern, auf denen die Ozeane, über welche die Schiffe fuhren, wie eine Bühnenfassung des romanhaften Neusiedler Sees wirkten. Was mich dabei am meisten faszinierte, waren gar nicht so sehr die großen Jachten und gewaltigen Dampfer, sondern die im wahrsten Sinne handlichen Boote der Einhandsegler. Wobei ich noch lange vermutete, dies würde eben nicht nur bedeuten, dass hier ein Mann oder eine Frau ganz alleine segelte, sondern vor allem, dass er oder sie das Steuerrad imm

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