Bis die Zeit verschwimmt

Bis die Zeit verschwimmt

von Svenja K. Buchner

E-Book
320 Seiten; ab 13 Jahre
2020 Thienemann Verlag in der Thienemann-Esslinger Verl
ISBN 978-3-522-62175-5

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Kurztext / Annotation
Eine Achterbahnfahrt der Gefühle: hochkarätiger Coming-of-Age-Roman für Mädchen ab 13.
Zeit. Für Helene bleibt sie stehen, als ihre beste Freundin Cassie stirbt. Weiterleben kann sie nur, indem sie Antworten sucht - beim Amokläufer, bei seinen Opfern, bei den Hinterbliebenen. Helene verliert sich in Wut, Trauer und Schuld. Nur manchmal, zusammen mit Erik, kommt das längst vergessene Gefühl der Leichtigkeit zurück. Aber darauf kann Helene sich nicht einlassen, ohne Cassie zu verraten ...

Svenja K. Buchner wurde 1995 in Franken geboren. Schon in ihrer Schulzeit schrieb sie gern Geschichten, und auch während des Psychologiestudiums ließ das Schreiben sie nicht los. Inzwischen hat sie ihr Studium abgeschlossen und arbeitet mit Krebspatienten und deren Angehörigen in einer Akutklinik. "Bis die Zeit verschwimmt" ist ihr erster Jugendroman.

Textauszug
Eins
Über Cassie

Es ist laut.

Menschen um mich herum, überall.

Sie schreien, weinen, versuchen, einander zu beruhigen.

Rennen.

Schließen einander in die Arme.

Und dazwischen immer wieder Sirenen in der Ferne, die näher kommen und erst in einigen Metern Entfernung abrupt zum Schweigen gebracht werden. Sanitäter rennen durch die Gegend, Körper werden auf Tragen verfrachtet und dann gehen die Sirenen auch schon wieder an, um kurz darauf begleitet von blauen Lichtern zu verschwinden. Wenn man genau hinhört, erkennt man, wie sie der Welt die Geschichte eines namenlosen Kindes erzählen, die keiner hören will; eine Geschichte, die dieser Welt genauso unaufhaltsam entgleitet wie die Sirene selbst.

"Wie geht es dir?" Mir wird ein Plastikbecher mit Wasser angeboten, den ich ignoriere. "Du musst trinken." Aber ich muss gar nichts. Stattdessen starre ich auf den Seiteneingang meiner Schule, durch den Menschen mit Warnwesten huschen, sich kurz unterhalten, weitergehen. Durch den eilig Menschen geschleppt werden, einer nach dem anderen. Ihre Gesichter sind teils verdeckt; vielleicht sind das die Toten. Und die ganze Zeit über warte ich auf ihr Gesicht, darauf, dass sie endlich rauskommt, darauf, dass ich sie in den Arm nehmen und nach Hause bringen darf. Doch sie kommt nicht, weder in diesem Atemzug noch im nächsten, und das, obwohl jeder einzelne mich mehr schmerzt als alles Leid dieser Erde es je könnte.

"Kann ich jemanden für dich anrufen?" Die Sanitäterin legt mir sanft eine Hand auf die Schulter, die ich direkt abschüttle; ich würdige sie keines Blickes. "Wo ist sie?", will ich fragen, aber aus meinem Mund kommt nichts als ein leises, stockendes Geräusch.

"Deine Eltern sollten informiert werden", erklärt die Frau weiter.

"Wo ist sie?" Jetzt sind sie da, die Worte.

"Wer?" Der Frage folgt ein viel zu mitleidiger Blick.

"Wo ist sie?", wiederhole ich, während wieder Sanitäter durch den Seiteneingang kommen, mit einem verdeckten Körper auf einer Trage, im Laufschritt auf uns zukommen, an uns vorbei, während mein Herz immer schneller schlägt. "Wo ist sie?", schreie ich, springe auf, schlage die Hand der Sanitäterin an meiner Schulter weg, will losrennen, aber spüre sofort Arme um mich. Große, starke, unerbittliche Arme, die mich festhalten und mir den Atem rauben, während alles aus mir herausbricht und mein Körper unter Tränen immer wieder dieselbe Frage schreit.

Die Sanitäter laufen an uns vorbei.

Sie fahren weg.

Die Trage fährt weg.

Wie alle anderen davor.

Und mich lassen sie alleine, alleine mit den Hinterbliebenen, alleine mit der Sanitäterin und ihrem Kollegen mit den starken Armen, und während ich die Welt um mich herum wahrnehme wie durch eine dicke Glasscheibe, verliere ich jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Sie reden auf mich ein, irgendwann fängt es an zu regnen, irgendwann setzen sie mich auf die Rückbank und fahren mit mir los, und irgendwann sitze ich in einem sterilen Sprechzimmer, bekomme viel zu viel Desinfektionsmittel auf meinen Ellenbogen gesprüht, einen Verband, tausend Fragen gestellt, die ich weder verstehe noch verstehen will und auch nicht beantworte, ich werde von irgendeiner Krankenschwester inspiziert, die erst stundenlang an meinem Verband und dann an meinen Armen und meinem Kopf herumfummelt, ohne dass ich weiß, was sie da eigentlich tut, und am Ende, als ich es endlich geschafft habe, steht da meine Mutter im Gang.

Gut zwanzig Meter entfernt.

Mit Tränen in den Augen.

Ich lasse mich umarmen, lasse zu, dass sie in meine abgetragene Sweatjacke weint, mir über den Kopf streichelt, mit dem Arzt redet, mit der Schwester, mich irgendwann zum Auto führt. All das zieht komplett an mir vorbei, denn für mich zählt nur eines.

Cassie.

Mein Name ist Helene Mey. Ich bin fünfzehneinhalb Jahre alt. Im Mai werde ich sechzehn. Ich habe nicht viele

Beschreibung für Leser
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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