Im Netz des Lemming

Im Netz des Lemming

Kriminalroman

von Stefan Slupetzky

E-Book
Reihe: Lemmings Ermittlungen Band 6
200 Seiten
2019 Haymon
ISBN 978-3-7099-3911-6

14.99 EUR
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Kurztext / Annotation
Ein tragischer Suizid und ein Nachtwächter in Bedrängnis
Der Lemming versteht sie nicht mehr, die Welt. Und noch weniger versteht er das Kauderwelsch aus Internet-Sprache und Englisch, das sein Sohn Ben mit seinem Freund Mario spricht. Als der Lemming sich mit ebendiesem Mario durch Zufall eine Straßenbahn teilt, passiert das Unfassbare: Auf Marios Handy-Display erscheint eine offenbar schockierende Nachricht, der Bub rennt unvermittelt aus der Bahn und springt von einer Brücke in den Tod.
Der Lemming ist fassungslos. Noch mehr, als plötzlich ein Shitstorm auf ihn einprasselt: Die Medien haben aus dem Mann, der mit dem unglücklichen Burschen vor dessen Suizid gesprochen hat, einen pädophilen Triebtäter gemacht. Und plötzlich sind sein Foto und sein Name überall. Auch Chefinspektor Polivka, der dem Lemming vertraut und mit ihm herausfinden will, was wirklich hinter Marios Tod steckt, gerät ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit. Bald ranken sich auch wilde Spekulationen um Marios Familie - denn die engagiert sich in der Flüchtlingshilfe - während Wien im Zeichen von dirty campaigning und politischer Hetze steht.
Der Lemming indes droht sich in verschiedensten Netzen zu verwickeln: Im World Wide Web, mit dessen Gefahren er es zu tun bekommt, in den Verstrickungen korrupter Politiker, die nicht nur im Internet Fake News verbreiten, und in den feinen Fäden, die die Boulevardpresse spinnt, wenn sie mit haltlosen Behauptungen eine möglichst große Leserschaft einfangen möchte.


Slupetzky legt den Finger in die Wunden der Gesellschaft
Jeder Satz passt in diesem Kriminalroman, jedes Wort trifft - Stefan Slupetzky ist ein Sprachkünstler, der es versteht, mit viel Feinsinn Bilder entstehen zu lassen, die sich einprägen. Nichts ist schwarzweiß, jeder hat eine Geschichte, stets hat es einen Grund, warum einer da ist, wo er heute ist. Slupetzky schaut ganz genau hin, wenn er seine Figuren zeichnet, und so manche wird einem bekannt vorkommen. Da ist der kleine Bub, der es unter den Schulkollegen so schwer hat, dass ihn eine Aura der Traurigkeit umgibt, da ist der frühere Neonazi, der sich für seine Tätowierungen schämt. Da ist jener Lehrer, der einmal Idealist gewesen ist, bevor ihm die Realität den Antrieb genommen hat, und der ehemalige Polizist, der jetzt nachts im Tierpark arbeitet und erst mehrere rauschhafte Nächte braucht, bevor er seinem Freund Polivka das Du anbieten kann. Leopold 'Lemming' Wallisch ist ein stiller, feinfühliger Charakter mit trockenem Humor und Gespür für seine Mitmenschen und deren Realitäten.
Slupetzky lässt seinen Lemming durch die Wiener Nächte wandeln, mit Lust am Wortspiel - und ohne dabei jemals seine Leichtigkeit zu verlieren.


'mit famosen Schnörkeln, fein absurd und schön böse, wo es sein muss'
Stern, Helge Hopp (zu: Lemmings Zorn)

Stefan Slupetzky, 1962 in Wien geboren, wo er heute noch lebt, verfasst Bühnenstücke, Kurzgeschichten und Romane. Seine Kriminalromane um den Antihelden Leopold 'Lemming' Wallisch wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Glauser-Preis, dem Burgdorfer Krimipreis und dem Leo-Perutz-Preis.
Slupetzky ist ein Drittel des 'Trio Lepschi', mit dem er als Texter und Sänger durch die Lande tourt. Er ist außerdem Mitbegründer des Vereins zur Verwertung von Gedankenüberschüssen und wirkte an der Entwicklung unverzichtbarer Gebrauchsgegenstände wie etwa des 'Transzebra Portable', eines ausrollbaren Zebrastreifens, mit.

Textauszug
1

"Hast du den armen kleinen Kauz gesehen?"

"Wen meinst du?" Klara wirft den Ärztemantel auf die Küchenbank und schraubt die silberne Kaffeemaschine auf. "Ich hab zwar einen Papagei und eine Eule unter meinen Patienten, aber keinen Kauz."

Der Lemming lässt die Zeitung sinken. "Na, den neuen Freund vom Ben." Er deutet Richtung Tür. "Der Kleine ist heut nach der Schule mit zu uns gekommen."

"Schön. Und warum ist er arm?", fragt Klara, während sie Kaffeepulver in die Maschine füllt.

"Na, erstens wegen ... Ach, du wirst schon sehen. Und zweitens wegen seines Namens. Wer tauft seinen Buben bitte Loll ?"

"Bist du dir sicher? Loll?"

"Natürlich bin ich sicher. Jedenfalls hat er sich so genannt, und auch der Ben hat immer Loll zu ihm gesagt. Das ist mein Vater, Loll, schau her, Loll, gehen wir in mein Zimmer, Loll ... Ich hab zuerst gedacht, es ist ein Spitzname, nur woher soll der kommen? Von Lolitus?"

Klaras Lachen ähnelt einem hellen Glockenklang. Sie wendet sich zum Lemming um und sieht ihn an. "Du glaubst das wirklich, oder?"

"Was?"

"Na, dass der Kleine Loll heißt."

"Warum soll ich es nicht glauben?"

Klara neigt den Kopf zur Seite. "Manchmal könnt ich mich in dich verlieben, Poldi", meint sie mit glänzenden Augen.

"Danke. Ganz besonders für den Konjunktiv. Sag, steh ich auf der Leitung oder hab ich was verpasst?"

"Nicht viel. Nur dreißig Jahre Internet, den Vormarsch der sozialen Medien und den untrennbar damit verbundenen Wortschatz unseres Sohnes."

"Mama, dürfen wir was Süßes?" Benjamin schiebt seinen strubbeligen Haarschopf durch die Küchentür, und hinter ihm erscheint ein weiterer Kopf, dessen Gesicht in schmerzhaftem Kontrast zu seinen engelsgleichen blondgelockten Haaren steht: unter der niedrigen, zurückweichenden Stirn zwei große blaue Augen, zwischen diesen eine kleine knubbelige Nase und darunter eine tiefe, dunkelrote Narbe in der Oberlippe - eine so genannte Hasenscharte. Beiderseits des Einschnitts wölben sich die Lippenflügel prall nach außen, so, als steckten große Erbsen oder kleine Weinbeeren darunter.

"Sicher dürft ihr etwas Süßes", lächelt Klara. "Aber nur, wenn du mir vorher deinen Freund vorstellst. Ich bin Bens Mutter", wendet sie sich an den Blondschopf. "Allerdings heiß ich nicht wie der Ben. Nicht Wallisch, sondern Breitner. Klara Breitner."

"Lol", antwortet Loll.

"Lol, Digga", kichert Ben. "Gib Check, Digga!"

"Okay ... Ich glaube, ihr wollt doch nichts Süßes." Klara zuckt die Achseln und stellt die Kaffeemaschine auf den Herd, während die Buben halb erstaunte, halb bestürzte Blicke wechseln.

"Wetehaa", raunt Ben.

"Entschuldigung", gibt Loll sich endlich einen Ruck. "Ich heiße Mario. Mario Rampersberg."

Der Lemming ist bis jetzt mit offenem Mund und großen Augen dagesessen. Er hat eindeutig etwas verpasst. Als hätte man ihn in der Blüte seiner Jugend eingefroren und erst dreißig Jahre später wieder aufgetaut. Jetzt aber horcht er auf.

"So wie der Regisseur?", fragt er. "Kurt Rampersberg? Bist du mit ihm verwandt?"

Der Kleine nickt. "Mein Vater."

Nur mit Mühe kann der Lemming sich den Kommentar verkneifen, der ihm auf der Zunge liegt. Du armer kleiner Kauz, denkt er im Stillen ...

Kurt Rampersberg war bis vor Kurzem einer jener Regisseure, deren Filme es nur selten in die Kinos schaffen und, wenn überhaupt, dann erst zu nachtschlafender Zeit im Fernsehen laufen. Seine Dokumentationen waren weder pornografisch noch politisch, sondern bestenfalls poetisch: stille, unscheinbare Kieselsteine unter all den schillernden Juwelen der Filmkunst. Aber eben Steine ohne das Gefunkel elitärer Wichtigtuerei. Sie trugen Titel wie Die Hütehüter - über den Verein zur Pflege der Tiroler Hutkultur oder Gemustert ausgemustert - wenn Soldaten Rentner werden . Cine

Beschreibung für Leser
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