Recensione

Rezensionen von MarcoL:

Schwimmen in der Tinte

Wie man aus Bulgarien flüchtet. Oder eine ganz besondere Familiengeschichte

 

Wie mag es wohl sein, denn innigen Wunsch und Drang zu verspüren, seine Heimat verlassen zu wollen, um in der Fremde ein neues Leben aufzubauen.
Die Autorin geht an diese Fragestellung mit eigenen Erlebnissen sowie die ihrer Familie heran und erzählt uns in vielen Episoden vom Aufbruch und vom Ankommen. In Etappen, mühsam wie kämpferisch, setzt die Mutter der Autorin alles daran, Bulgarien zu verlassen. Eine direkte Flucht scheint nicht möglich, also versucht sie es mit Diplomatie anzugehen. Über Jobs, die ihr die Ausreise in ein anderes kommunistisches Land ermöglichen. Vorzugsweise Berlin, denn man sagt sich in Bulgarien, dass man dort einfach so über die Grenze von Ost- nach Westberlin spazieren kann. Ein Trugschluss, wie sich herausstellt. Außerdem durfte sie niemals Familienmitglieder auf ihren Reisen mitnehmen, die wurden quasi als Pfand im Land behalten.
Doch eines Tages gelingt ihr der große Schritt in den Westen. Bis alle Familienmitglieder nachkommen können, vergeht Zeit. Viel Zeit.
Doch was ist besser im neuen, „gelobten“ Land. Die Ankunft erweist sich als schwierig, den Lebensunterhalt zu verdienen genauso.
Die Bindungen zur Heimat erschweren alles, Ausgrenzungen und Demütigungen tragen das ihre dazu bei, dass man manchmal verstohlen auf das alte Leben zurück blickt. War wirklich alles so schlecht? Letztendlich wird diese Frage mit einem Ja beantwortet, denn die Freiheiten der westlichen Welt, die es nicht zu jedem Preis gibt, überwiegen.
Verschiedene Einblicke in die Lebensgeschichte der Familie fügen sich im Roman aneinander. Szenen von Glück und Leid der einzelnen Personen setzen sich letztendlich zu einem großen, überschaubaren Ganzen zusammen. Auch wenn es beim Lesen ab und wann etwas Durchhaltevermögen kostet. Nichts desto trotz ist der Roman flüssig zu lesen und gibt tiefe Einblicke die Welt der Flucht vom stählernem Kommunismus in die knallharte Realität der freien Marktwirtschaft.
Gerne geben ich eine Leseempfehlung für diese interessanten, familiären Einblicke.

Einfallende Dämmerung

Ein wunderbares, im Prinzip komplexes Buch, das einen mit Leichtigkeit durch die Seiten schweben lässt

 

Einmal mehr zeigt Christian Haller, dass er zu den ganz großen Erzählern im Literaturbetrieb gehört. 2023 wurde er mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Auch diese Novelle hat das Zeug dazu. Seine philosophischen Ansätze und Fragen, die diesmal das Thema „Alter“ betreffend, verpackt er wunderbar in eine angenehme Sprache und in eine gut aufgebaute Handlung.
Paul Balint ist Mikrobiologe. Er hat sich Zeit seines Lebens der Wissenschaft verschrieben und sein Leben damit ausgefüllt. Zu seinem 80. Geburtstag wird eine Feier in Paris organisiert. Ehemalige Kollegen kommen, er wird geehrt und erlebt einen wunderbaren Abend. Und zugleich erscheint ihm dieser Tag wie ein Abschied von einem gelebten Leben zu sein. In Rückblicken lässt uns der Autor an den Erinnerungen von Balint teilhaben, während die Gegenwart ihr unbarmherziges Netz auswirft.
Vor zehn Jahren hat ihn seine Langzeitlebensgefährtin Carla verlassen. Freiwillig, um noch etwas anderes im Leben zu suchen als die gemeinsame Vergangenheit. Balint hat sich damit arrangiert, sein Leben neu organisiert, und dennoch vergeht kein Tag, an dem er nicht an sie denken muss. Eine Stütze für ihn wird ihm sein Psychotherapeut Steinberg. Beide entwickeln im Laufe der Jahre ein freundschaftliches Verhältnis zu einander, mit tiefen Gesprächen und Ratschlägen für beide Personen.
Was ist das, das „Altern“. In welchen Stufen läuft es ab? Wann beginnt es überhaupt? Und so entwickeln sie die Theorie von „Jungem Alter“ und „Altem Alter“. Balint beginnt seine Umgebung mit anderen Augen zu sehen, nicht nur im mikrobiologisch-wissenschaftlichen Kontext, sondern er versucht auch hinter allem einen Sinn und eine Seele zu suchen. Ganz allmählich begreift er, dass das hohe Alter nicht nur eine unausweichliche Herausforderung darstellt, mit Vergangenem abzuschließen und einen verfallenden Körper in die Zukunft tragen zu müssen. Das hohe Alter bedeutet nicht nur Verlust, es kann auch eine Befreiung sein. Eine Befreiung von all den Gedanken, die nicht mehr mit irgendwelchen Zwängen daher kommen.
Ich darf das tun, muss es aber nicht mehr. Ich kann alles beobachten, muss nichts mehr hineininterpretieren. Und ich muss nichts mehr werden, das pure „Sein“, das „Carpe diem“ soll das Motto jeden Morgens sein und nicht das „Memento mori“
Ein wunderbares, im Prinzip komplexes Buch, das einen mit der Leichtigkeit durch die Seiten schweben lässt, die die Erfahrung eines ganzen Lebens beinhaltet. Ich finde auch Titel und Cover äußerst treffend gewählt. Sehr gerne gelesen und damit eine absolute Leseempfehlung.

Die Avenues

Tiefe Einblicke in die Gesellschaft Simbabwes, spannend, informativ, humorvoll. Große Leseempfehlung

 

Die „Avenues“ sind ein Stadtteil von Harare, Hauptstadt und Mittelpunkt von Simbabwe. Es ist das angesagte Viertel der (Neu-)reichen und Schönen. Wer vom Land kommt und es zu etwas bringen wird, sieht zu, dort unter zu kommen.
Jezda verbringt weit ab von der Stadt eine Kindheit und Jugend mit Gleichaltrigen, die je ihr Ende findet. Zudem überschattet ein tragischer Unfall seinen Weg aus dem unbedarften Kindesalter, das in traumatisiert.
Er kämpft sich durch, macht eine Art Ausbildung, und dank seiner unbekümmerten Art (nach außen hin) und der Hilfe von Bekanntschaften schafft er es letztendlich von einem Vorstadt-Slum in die „Avenues“. Schnell merkt er, dass auch dort nicht alles Gold ist, was glänzt. Korruption sind die täglichen Begleiter, und die Prostitution scheint dort erfunden worden zu sein.
Mittendrinnen in diesem Wirrwarr aus urbanem und ständig pulsierenden und aufstrebenden Wahnsinn drängt sich die Vergangenheit des Landes hinein. Die Flüsse und Sümpfe, die früher dort waren, wo jetzt die Stadt steht, wurden trockengelegt und sind verschwunden; und dennoch drängt sich das Wasser manchmal an die Oberfläche, erzeugt feuchte Stellen, so manche Pfütze und Trugbilder von Geistern. Doch sind es tatsächlich Geister?
Der Hauptgrund, warum Jezda in die Avenues zieht, ist die Suche nach seiner Schwester Natsai. Sie ging vor ihm dorthin, und verschwand spurlos. Ein Ereignis in ihrer Kindheit könnte Auslöser hierzu sein … und so entsteht ein spannender Mix aus Mythologie und brutaler Gegenwart. Jezdas Eltern sind unfähig, zu helfen. Sie haben sich blind dem Christentum verschworen, und den alten Religionen abgesagt.
So entsteht eine latente Korrelation zwischen dem was war, und dem was ist. Eine fröhlich bunte Gesellschaft wird vom Grau der Stadt verschluckt, weggespült vom Wasser, das einst dort war. Die Prostitution, auch wenn es nicht explizit angesprochen wird, ist finanzielle Hoffnung und Fallstrick zugleich für die Mädchen in den Avenues. Und wie das alte Land verschwindet, trockengelegt wurde, verschwinden immer wieder junge Frauen im Sumpf der „Avenues“.
Es ist ein sehr spannendes Buch, das die Folgen des britischen Kolonialismuswahnsinns geschickt in die gegenwärtigen Situationen der Hautstadt wie des ganzen Landes einwebt, und als Beispiel ein paar junge Menschen als Hauptprotagonisten auswählt. Mit einer frischen Sprache, und auf eine fröhlich-humorvolle Art, informativ und mit einigen interessanten (und auch sarkastischen) Fußnoten, entpuppt sich dieser Roman zu einem absoluten Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Absolute Leseempfehlung – nicht nur für jene, die gerne mal über den eigenen (literarischen) Tellerrand blicken möchten.

Café Amatorska

Begegnungen in und mit Polen. Warmherzig, voller Freundschaft und Wertschätzung

 

Diese Novelle ist eine Begegnung der Generationen. Und eine Begegnung zwischen Deutschland und Polen – zwei Staaten mit einer ganz besonderen Beziehung zueinander. Was sucht ein junger Schriftsteller im „neuen“ Polen, eingebettet zwischen Vergangenheit und urbanem Feeling?
Er findet Gastfreundschaft und Geborgenheit in der kulturellen, literarischen Szene und auch in der nationalen Kulinarik.

S.18: „Zwei Teller auf der Tischdecke, einen für jeden von uns, aber sie standen dort nicht für Anna, sondern meinetwegen, weil ich der Gast war, weil man sich um mein Wohlergehen mühte. Und so wurde mir das Purpur im Suppenteller zur Erkennungsfarbe der Gastfreundschaft; ein Geschmack bedeutet mir fortan diese Tugend; in diese Brühe schien mir all die Freundlichkeit eingekocht, die mir in den zwei Wochen meines damaligen Dortseins widerfahren war.“

Es sind Begegnungen, Freundschaften, die dieses Buch ausmachen. Vergleiche zwischen tristem Regen und Sonnenschein, Unterschiede zwischen Krakau und Warschau. Dazwischen Treffen, Kollegialität und und eine feine, poetische Sprache.

S.22: „Bis eben war ich noch glücklich gewesen, nun hatte ich dummerweise damit begonnen, von diesem Abend etwas zu erwarten. Die Nadel hatte sich von Genügsamkeit auf Einsamkeit gedreht.“
...
„Ihr Lächeln war so fein, weil sie es festhielt, bevor es ausuferte.“

Wie schön sind diese beiden Sätze, die auf so poetische Weise ausdrücken, was wir selbst schon oft erfahren haben.
Verschränkungen zwischen Deutschland und Polen werden offenbar, auf der persönlichen Seite, auf der kulturellen Ebene genauso wie auf der wissenschaftlichen. Mit Zartgefühl, ohne Pomp, bringt der Autor diese Erkenntnisse ein, als wären sie Ergebnisse eines einfachen Gesprächs im Café gewesen, genauso wie tiefgründige Gespräche in einer vertrauten Zweisamkeit. Eine Zweisamkeit, die nicht fordert, sondern einfach nur gibt, ohne Zwang. Der Intellekt, das freie Denken kennt eben keine Grenzen.
Sehr gerne gelesen und viel dabei gelernt. Große Leseempfehlung.

Die Zivilisation, Mutter!

Feinfühlige Geschichte aus Marokko, feministisch und staatskritisch. Toll!

 

Casablanca, Marokko. Sie wurde mit dreizehn Jahren verheiratet, und hat seit dem ihr Haus nie mehr verlassen (dürfen).

S.83: „Was ist das, 'lieben'? Was soll das heißen? … Als ich in dieses Haus zog, war ich ein Kind. Stand vor einem Mann, der mir Angst einjagte. War mit ihm allein, verstehst du? … Dann habe ich mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt. Die Gewohnheit ist ein Gefühl. Ich stellte mit keine Fragen, ich wusste nicht, wer ich war.“

Alles wurde von ihrem Ehemann organisiert. Sogar die Einkäufe. Sie kennt nichts anderes, glaubt einfach, es muss so sein, und allen Müttern und Ehefrauen gehe es gleich. Ihr Mann ist ein reicher Geschäftsmann, mehr unterwegs als zu Hause. Ihre beiden Söhne sind dem Kindesalter mehr oder weniger entwachsen, als sie ein Radiogerät mitbrachten. Für ihre Mutter war das Magie, und sie war lange der Meinung, dass die Stimme von einem Zauberer kommt. Und das Telefon war ihr erster richtiger Kontakt nach außen.
Die moderne Technik hält nach und nach Einzug in dem Haus. Und ihre Söhne nehmen sie mit nach draußen – in die Stadt. Geheim, von ihrem Sohn Nagib, der ein sanfter Hühne war, beschützt.

S.70: „Ein Tor war aufgestoßen worden. Nun flutete alles auf einmal auf sie herein, und sie versuchte einzudämmen, was ihrer Natur fremd war, diesen Schlamm zu verarbeiten, damit er eines Tages fruchtbar werde.“

Ihr Leben ändert sich nach und nach. Sie lernt lesen, schreiben, rechnen. Sie entdeckt die Welt, und auch ihre eigene Welt, ihre eigenen Kinder, mit neuen Augen.
Gleichzeitig mit dieser Entwicklung ändert sich auch das politische Gefüge im Land Marokko.

S.81: „Und sie sah uns. Sah, dass ich Haare am Kinn hatte und dass Nagib größer war als ihr Mann. An diesem Tag war es zu Ende mit dem Panzer, mit der Schale um sie herum.“

Irgendwann erfährt ihr Mann davon, aber er sieht ein, dass er machtlos ist. Die Freiheit beginn zu siegen. Und die Mutter der Söhne beginnt zu verstehen.

S.147: „Und der Kern der Gemeinschaft ist nun einmal die Familie. Wenn aber im Schoße dieser Familie die Frau als Gefangene gehalten wird, verschleiert noch dazu, eingesperrt, wie wir es seit Jahrhunderten getan haben; wenn sie über keinerlei Öffnungen zur Außenwelt verfügt, keine aktive Rolle spielen kann, wirkt sich das verhängnisvoll auf die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit aus; sie zieht sich zurück und hat sich und der übrigen Welt nichts mehr zu geben.“ - ein wunderbarer Satz, der alles auf einen Punkt bringt.

Die Geschichte ist sehr feinfühlig erzählt aus der Sicht ihres anderen Sohns. Ganz allmählich merken wir, dass diese Familiengeschichte als große Gesellschaftskritik funktioniert, im kleinen wie im großen. Flüssig erzählt, mit viel Empathie und Humor, führt uns Driss Chraibi durch die Erzählung, kombiniert Familie mit Staat sehr geschickt.
Ein wunderbares Buch, dem ich sehr viele Leser*innen wünsche. Das Original erschien bereits 1972.
Ganz große Leseempfehlung.

Grüne Welle

Experimentelle Literatur, feinfühlig umgesetzt

 

Eine Frau – und so wird die Protagonistin im ganzen Roman nur genannt – verbringt einen Abend mit der „Freundin der Frau“ im Kino. Das machen sie einmal im Monat. Die Frau fährt nach Hause, aber sie verfährt sich, geschuldet an einem Wald aus Umleitungsschilder. Eigentlich müsste sie ihren Mann anrufen – genau: „der Mann der Frau“ – damit er Bescheid weiß, dass sie etwas später nach Hause kommt.
Das möchte sie an der nächsten roten Ampel machen. Sie sieht schon von weitem das rote Licht. Allerdings wechselte das Signal kurz vor ihrer Ankunft auf grün. Als sie ihr Missgeschick bemerkt, beschließt sie, an der nächsten roten Ampel stehen zu bleiben und umzudrehen. Auch die war dann grün. Und so macht die Frau weiter, überfährt irgendwann ein Reh, dessen Kadaver sie kurzerhand in den Kofferraum zerrt. An einer Tankstelle nimmt sie zwei junge Anhalterinnen mit. Und fährt ziellos weiter. Was dann passiert – eben eigentlich nichts.
In Zwischensequenzen erzählt die „Freundin der Frau“ einiges über den Abend, die Frau und den Mann der Frau. Der scheint nicht gerade ein mustergültiger Ehegatte zu sein. Das weiß auch die Frau – wahrscheinlich winkt sie das Schicksal jetzt mit den grünen Ampeln auf neue Wege durch.
Die Sprache klingt wie ein neutraler Bericht eines x-beliebigen Erzählers. Die Sätze meist holprig, verschachtelt, sich wiederholend. Man kann sich zwar daran gewöhnen, man kann es „Literatur“ nennen – und ist bestimmt mal eine ganz andere, ja beinahe schon experimentelle Erzählweise, aber anfreunden konnte ich mich damit nicht. Der Inhalt hinterließ mir mehr einen faden als erquickenden Geschmack, auch wenn vieles sehr symbolhaft und allegorisch zu verstehen ist.
Möge hier jeder für sich entscheiden, ob er sich auf solch ein literarischen Terrain wagen will.

Die Elefanten

Kritische, ironische, treffende Gesellschaftskritik. Literarisch einzigartig.

 

Auf einmal waren sie da, die Elefanten. Sie standen einfach so herum. In den Wohnungen, Büros, Straßen. Blockierten Teile des Lebens, machten alles etwas komplizierter und schwieriger. Niemand tat etwas dagegen, und bald waren sie eine Selbstverständlichkeit. Menschen, die dagegen aufbegehrten, wurden zu Außenseitern, ja Querulanten abgestempelt. Und schnell offenbart sich uns diese Allegorie, wofür die Dickhäuter stehen.
Schnell passt sich der Mensch an Bedrohungen und Einschränkungen durch den Staat an, frei nach dem Motto: wenn es nicht schlimmer wird und mich kaum betrifft, was soll's.
Natürlich gibt es Einzelne, wie zum Beispiel den Stand-up-Comedian Pawel, der dagegen aufbegehrt, der ausspricht, was Sache ist, das Problem beim Namen nennt. Er versucht es mit Humor – dennoch verblassen seine anfänglichen Witze darüber schnell. Auch privat leidet seine Beziehung mit Anna – denn wenn die äußeren Einflüsse Druck ausüben, gerät auch das innere Gefüge ins wanken, mit existenziellen Folgen.
Das ist aber in diesem Roman noch nicht alles, denn die Figur von Alexander (Annas Vater und Schriftsteller) besticht durch eine interessante literarische Idee: Er möchte einen Roman schreiben, der nur aus Leserkommentaren aus den Social-Media-Bubbles besteht. Und just finden wir dieses Experiment schwarz auf weiß vor uns, denn Filipenko bedient sich selbst dieses Stilmittels (genial, aber anstrengend).
Was mir jetzt nicht so behagte bei der Lektüre waren die angedeuteten Kreuzworträtsel. Denn ab und zu muss man sich dann ein Wort aus dem zu Beginn stehenden Kreuzworträtsel selbst raus suchen (was nicht besonders schwer ist, aber den Lesefluss unterbricht).
Der Roman ist eine Parabel, ein politischer Fingerzeig, der gezielt auf die offenen Wunden in der Gesellschaft drückt. Die Gefahr schleicht sich ein, Zensur und Diktatur werden schnell als Normal erachtet.
Und gerade in dieser Zeit ist dieses Buch aktueller denn je. Rund um den Globus brennt es, die Feuer geschürt von machtbesessenen Autokraten, denen das Wohl des eigenen Volkes völlig egal ist – man kann auf dem Globus hinschauen, wo man will, diese beißende Kritik trifft überall ins Schwarze.
Gerne gebe ich eine Leseempfehlung für diesen sehr speziellen Roman für alle, die sich auf ein literarisches Experiment einlassen möchten.

Denkst du noch an Trenčín?

Eine literarische Liebeserklärung an die Kulturhauptstadt Europas 2026

 

Wie wunderbar kann eine Geschichte, eine Liebeserklärung an eine Stadt, verfasst werden? Sehr! - in diesem Fall. Im Original erschien dieses Buch 2023, und in diesem Jahr ist Trenčín europäische Kulturhauptstadt.
In einer kleinen Rahmenhandlung wandeln wir durch die Slowakische Stadt Trenčín, manchmal traumwandelnd, manchmal mit klarem Blick. Und wer hier einen Reiseführer vermutet, liegt komplett falsch.
Tamara kommt von Israel, um auf den Spuren ihrer Vorfahren zu laufen. Mit dem Gedanken beseelt, vielleicht eine neue Heimat zu finden, bildet dieser Part quasi ein Fenster in die Vergangenheit.

S.57: „Das Land ihrer Vorfahren zu besuchen, etwas in diesem Pathos zu wühlen, ihre eigenen Wurzeln zu begreifen und abzuwägen, wie es weitergehen mochte.“

Vincent ist buchverliebt, und mit Laura (eine Freundin, und nicht „nur“ eine Freundin, wie Vincent eines Tages erleichtert feststellt) betreibt er ein Antiquariat – die Gegenwart ist präsent. Und Oliver, Lauras Sohn, lässt der Autor in der nahen Zukunft als Stand-Up-Comedian auf der Bühne stehen, genährt und beeinflusst aus seiner Kindheit mit Vincent.
Manchmal ist es beim Lesen nicht klar ersichtlich, was Fiktion ist, oder was real ist, eine Brise magischer Realismus darf dabei nicht fehlen und erzeugt ein ganz besonderes Flair, dass dieser Stadt zusätzlich etwas Geheimnisvolles anlastet.

S. 32: [Tamara zu Laura] „Wenn ich durch die Straßen schlendere, denke ich, wahrscheinlich kennen selbst viele Einheimische diese Ecken gar nicht. Wer wandert schon so in seiner eigenen Stadt herum? Der Mensch gewöhnt sich an seine Wege und hat selten Grund, davon abzuweichen.“ - ist diese Aussage nicht wunderbar (und wahr)?
Und natürlich darf auch eine gewisse Portion an Ostalgie hier nicht fehlen, die eine weitere Person mit ihrem Tun adoptiert.
Die Sprache – übrigens wunderbar übersetzt von Stefanie Bose - ist sanft, spielerisch, manchmal kindlich neugierig und dann auch wieder sehr erwachsen und direkt, aber immer mit einem leichten Augenzwinkern.
Sehr gerne gelesen und eine grandiose Leseempfehlung

Kala

Spannend und sehr dicht erzählt.

 

Irland 2003, die fünfzehnjährige Kala verschwindet spurlos. Ermittlungen werden angestellt, und verlaufen sich; das Verschwinden bleibt ungelöst.
Fünfzehn Jahre später treffen sich die damalige Freunde von Kala im Ort Kinlough wieder. Man merkt schnell, sie haben die Ereignisse immer noch nicht vollständig verarbeiten können. Mittlerweile ist einiges Geschehen, ein Mitglied der Clique ist verstorben, ein anderer Junge ist seitdem entstellt. Die Gründe hierfür erfahren wir nur langsam, alles verdichtet sich auf einen gewaltigen Showdown hin.
Und genau in dieser Zeit, als sich die „Freunde“ wieder vorsichtig annähern, wird eine Leiche gefunden – die skelettierten Überreste von Kala. Schnell tauchen Bilder von damals auf, Getuschel und Gemurmel ...
Der Roman baut vor allem auf den Beschreibungen der Hauptprotagonist*innen auf. Natürlich Kala, sie hatte Charisma. Oder Mush, der es allen recht machen möchte. Und so weiter – der Autor zeichnet uns hier sehr genaue Bilder und Charaktere. Für meinen Geschmack manchmal etwas zu viel des Guten, denn so verliert sich die Geschichte, die zwar auf diese Art und Weise einen besonderen Spannungsbogen aufbaut, dennoch an Fahrt. Auch wenn in den einzelnen Kapiteln, die jeweils den handelnden Personen gewidmet sind, vieles an Information zu Tage kommt. Vielleicht zu viel – ich fühlte mich da manchmal etwas überfordert. Letztendlich fügt sich alles zusammen, was zuvor mit Fragezeichen versehen war. Auch die Rolle von Kalas Freund*innen kommt dabei nicht zu kurz.
Der Sprachstil ist an die Jugend angepasst – rasant und schnell. Knappe Sätze, genaues Hinsehen des „Cliquenverhaltens“, detailreiche Szenen.
Trotz des Settings und Aufbaus dieses „Krimis“ fand ich mich manchmal verloren (oder überfordert) zwischen all den Minigeschichten der handelnden Personen, auch wenn die Auflösung und das Zusammensetzen der Puzzleteile am Ende versöhnlich stimmt. Auf jeden Fall hebt sich dieser Roman durch seinen Aufbau von der Masse anderer „Coming-of-Age-Krimis“ heraus.

Das gute Leben

Sanfter, ruhiger Roman über die Frage nach Zu Hause und Fremde Heimat

 

Christine kommt zurück nach Nürnberg – sie hat das Haus ihrer Großmutter Anni geerbt. Und sogleich geht die Geschichte in einen Wechsel aus Gegenwart und Vergangenheit. Wie war das Leben von Anni, die damals aus Rumänien flüchtete um in Deutschland ein bessere Existenz finden zu können?
Anni zieht ihre Tochter und in weiterer Folge dann auch ihre Enkelin alleine auf, findet im damaligen Quelle-Versandhaus nicht nur einen Arbeitgeber, sondern sogar so etwas wie einen Rückhalt und Bestätigung für ihr Tun. Und dennoch, vor ihrem Rentenantritt müssen Stellen gekürzt werden …
Im Haus von Anni sucht Christine nach Erinnerungen. Nach einer (gemeinsamen) Vergangenheit – und nach der titelgebenden Frage: Was ist ein gutes Leben? Was benötigt man, um zufrieden und glücklich zu sein? Eine Frage, die natürlich jede*r anders beantworten wird. Dennoch baut Nadine Schneider diese Thematik geschickt in diese Familiengeschichte ein.
Rumänien war schon Schauplatz ihrer ersten beiden Romane, die ich sehr gerne gelesen habe. Nun dreht sich wieder eine kleine Familienchronik um das ehemalige Regime – um Flucht, aber auch sehr um Loslassen und um jene Plätze, die eine Heimat bedeuten können – für ein gutes Leben. Für viele ist das schon eine Arbeit und ein Dach über den Kopf ...
Die Erzählweise ist zweigeteilt, mal kommt Anni zu Wort, dann wieder Christine; die Übergänge sind manchmal fließend und nicht zu hundert Prozent eindeutig definierbar – was stilistisch auch auf eine enge Verstrickung der beiden Frauen hindeutet.
Die Worte kommen ruhig daher, die Geschichte plätschert leise dahin. Für meinen Geschmack manchmal zu sanft, da hätte ich mir vielleicht manchmal mehr „Knalleffekte“ gewünscht. Dennoch, der Roman lädt zum Nachdenken ein.

Einmachglas

Intensiv mit einem packenden Epilog! Große Leseempfehlung!

 

Fünfzehn Schüler*innen der Abschlussklasse bereiten sich für ein Theaterstück vor, das sie am letzten Schultag aufführen sollen. Vier davon sind für die Technik zuständig, die anderen stehen auf der Bühne, alles unter der Leitung des Lehrers Herr Keller. Die Lust dazu hält sich in Grenzen, aber sie lernen auf ihre Einsätze. Siebzig Tage haben sie Zeit – und genau da fängt dieser Roman an. Siebzig Tage vor dem Epilog, beginnend mit Lisa. Abwechselnd kommen die Schüler*innen zu Wort, für maximal zwei Seiten. Im Wechsel erzählen sie von sich, von ihrem Leben, ihren Ängsten, Sorgen, von der Familie, und natürlich auch von den Vorbereitungen zur Theateraufführung.
Am Anfang ist dieser schnelle Wechsel zwischen den Handlungsträger*innen etwas anstrengend, aber man kommt schnell in einen Flow und fiebert darauf hin, wie es in den einzelnen „Minigeschichten“ weitergeht. Jedes Mädchen, jeder Junge, hat seinen eigenen Rucksack zu tragen – und dieser Inhalt wird nach und nach vor uns ausgeschüttet.
Es gibt welche, die keinen Vater haben, und darunter natürlich leiden. Andere werden zuhause verprügelt. Manche sind sanft, andere können sich nur über verbale oder sogar körperliche Gewalt äußern. Alle verstecken irgendwas vor den anderen, denn es könnte ja peinlich sein. Nur nicht zu viel von sich preisgeben ist die Devise, am besten cool sein. Besonders ein Junge führt ein Doppelleben als erfolgreicher Influencer, versteckt sich nicht nur vor seinen Mitschüler*innen, sondern auch vor seinem Vater. Allein diese Episoden sind sehr berührend und lassen tief blicken.
Alles in allem ist es ein Sammelsurium aus Gefühlen und Situationen, das mit dem Wort „Leben“ beschrieben werden kann. Der Theatertermin rückt näher, und wir merken, was die Proben in den jungen Menschen bewegen und auslösen. Sie beginnen sich leicht zu verändern, anzupassen.
Und je mehr Licht in das Leben der Einzelnen kommt, desto mehr keimt beim Lesen der Verdacht, dass das wahre Theater nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Klassenzimmer.
Und das Theaterstück dann selbst – der Epilog, auf den die Zeitlinie zuschreitet – wird dann zum absoluten Wow-Erlebnis. Mehr wird nicht verraten.
Es ist ein absolut fesselnder Roman, ein Psychogramm mit tiefen Einblicken und Wahrheiten. Wunderbar erzählt und in Szene (Worte) gesetzt von Demian Cornu
Ganz große Leseempfehlung

Am Ende der Kleinigkeiten

Wunderbarer Roman über weit mehr als eine toxische Mutter/Tochter Beziehung

 

Irmas Geburtstag ist zugleich die Geburtsstunde von „Zeugland“, eine kommunenhafte Einrichtung für ein Zusammenleben ohne Besitz. Gründerin ist Irmas Mutter. Im Prinzip eine bedauernswerte Figur, die sich von Anfang an zur Antipathieperson schlechthin entwickelt, die man eigentlich aus tiefstem Herzen verachten und hassen müsste, so wie sie mit Irma umgeht. Aber ist sie vielleicht auch nur ein Opfer?
Mit fünfzehn bricht Irma aus der Gemeinschaft, die ihr mehr Familie war als ihre Mutter in hundert Jahren nicht sein könnte, aus, und landet mittellos in der Stadt. Sie hat Glück, kommt im Theater unter, bekommt kleine Arbeiten, ein Dach über dem Kopf und bald sogar Rollen im Theater. Sie scheint ein Naturtalent zu sein, spielt die Rollen so, wie sie glaubt, sie spielen zu müssen, passt sich an. Dabei ist ihr völlig bewusst, dass ihre Mutter dabei als Vorlage dient.
Irma fühlt sich wohl in der Theatergemeinschaft, es ähnelt sogar ein wenig ihrer ersten Wohngemeinschaft. Allerdings mit einem großen Unterschied: während es auf Zeugland kaum persönlichen Besitz gab, herrscht in der Stadt und in ihrem neuen Leben der pure Kapitalismus. Ohne Geld geht nichts. Aber Irma rappelt sich durch. Enge Bekanntschaften zu einem Agent, der sie tatsächlich fördern möchte (zumindest so lange, wie seine Kassa damit klingelt) und in weiterer Folge mit einem toxischen Regisseur, der alles nur aus Eigennutz und persönlichen Befindlichkeiten sieht, bringen sie auf die Bühne.
Doch wie das Leben so spielt, eine Schwangerschaft beenden die Träume, und sie wird fallen gelassen. Auch ihre erste Mentorin, eine erfolgreiche Schauspielerin, kann ihr nicht mehr helfen. Irma kapiert: sie muss ihr eigenes Leben leben, und nicht nur spielen. Und sich nicht nur in die Rolle einer anderen eindenken.

S.239:“ […] fragte ich mich, was eigentlich mit mir auf der Bühne passierte, solange ich jemand anders war. Wo ist eigentlich Irma währenddessen? Wer passt auf mein wahres Ich auf, wenn ich gerade einem anderen Ich meinen Körper zur Verfügung stelle? Und was ist, wenn ich mich hinter der Bühne nicht wiederfinde?“

Dieser Roman ist weit mehr als der Selbstfindungstrip der Ich-Erzählerin Irma. Es ist quasi ein Kern, um den sich wie Zwiebelhäute der Kapitalismus, die alten DDR-Strukturen, und vor allem das Patriarchat spannen. Eine Männerwelt, die stets glaubt, dass Frauen ein Selbstbedienungsladen sind (Spoiler: so wie es auch der Regisseur Taron Irma gegenüber ausdrückte, wenn er morgens seinem „Drang“ nachgeben wollte).
Franziska Hauser hat in diesem Roman spannende, sehr authentisch wirkende Charaktere erschaffen. Wie erwähnt, die einen kann man nur lieben, die anderen nur hassen oder verachten.
Ich bin sehr gerne in diese Welt zwischen Siedlungsgemeinschaft und Theater eingetaucht. Man kann sich wunderbar von den Worten und tollen Sätzen treiben lassen, stets mit einer bestimmten kühlenden Brise im Antlitz, damit man immer gewahr ist, dass das Leben nicht nur Glück und Sonnenschein ist, aber viele Kleinigkeiten zu bieten hat.
Große Leseempfehlung für diesen wunderbaren Roman.

PS: Ein paar Allegorien würden mir noch zum Begriff „Zeugland“ einfallen. Ein geschickt gewählter Name, würde ich sagen. Oder für das Theater, dass ja bekanntlich die „Bretter der Welt“ bedeuten soll.
Und noch eines: Je länger man liest, umso mehr wird man als Leser Teil dieser Welt. Da gibt es keine Längen, oder Wiederholungen. Mit fortschreitender Seitenzahl wird die Stimme der Autorin lauter, gleichzeitig einfühlsamer, die Sprache schöner und die Sätze intensiver. Ganz große Erzählkunst!