Endstation Bronx

Endstation Bronx

Facettenroman

von Martin Weteschnik

E-Book
Reihe: Facettenroman Band .1
224 Seiten; ab 14 Jahre
2016 Nomen Verlag
ISBN 978-3-939816-30-0

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Kurztext / Annotation
Packende abwechslungsreiche Geschichten, jede für sich betrachtet eine tiefgründige Perle und doch Teil eines äußerst unterhaltsamen Ganzen. Ein spannendes Format, neu auf dem Markt der Literatur!
Ein Polizist auf Verbrecherjagd in der Bronx. Der Bestsellerautor Gregor Samsa träumt, ein gewisser Kafka habe über ihn geschrieben. Zwei junge Menschen, Hure und Student, begegnen sich in L.A., der 'Stadt der Engel'. In Wien findet ein äußerst genialer Klavierspieler seinen Meister. Die Hüterin einer Geheimlehre gerät auf einem entlegenen Landsitz bei London in eine ausweglose Lage. Ein Fan wird nach dem Tod ihres Idols selbst zum Star. Eine japanische Zeichnung, deren Botschaft ihren Betrachter erst nach Jahrzehnten erreicht. Eine amerikanische Kleinstadt, in der ein Junge die Augen der Bewohner erlöschen sieht. Ein Ladenbesitzer, der lediglich Türen öffnet und schließt. Eine Kartografin, die nicht nur die reale Welt zu vermessen weiß - und eine Schlussgeschichte, die mit all den vorhergehenden zu tun hat.

Martin Weteschnik, Jg. 1958, Frankfurt am Main. Seinem Studium der Germanistik folgte ein einjähriger Aufenthalt in Japan. Danach verbrachte er fünf Jahre in den USA sowie einige Zeit in Ungarn, wo er Schach bei einem Weltklassetrainer lernte. Erste Buchveröffentlichung ab 1999 u.a. mit einem Buch über Schachtaktik, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und mittlerweile als Standardwerk gilt.
Nach einigen Sachbüchern ist 'Endstation Bronx' sein drittes belletristisches Werk.
In diesem eigens für spannende und anspruchsvolle Literatur kreierten Format, dem Facettenroman, plant der Autor weitere derartige Projekte.

Textauszug
Endstation Bronx

In Gedenken an den kürzlich verstorbenen T.H. McMahon, der mich daran erinnerte, dass man sein Leben erleben und dessen Geheimnisse ergründen sollte. Wie oft vergessen wir das eine und wie wenig trauen wir uns das andere zu!

"B-I-N-G-O!", rief C APTAIN A MERICA mit einer Begeisterung in den Saal, als verkünde er das Paradies auf Erden.

Ich musste gleich mehrmals auf das Zahlenfeld pochen, ehe der hutzelige Alte mit der Captain-Amerika-Kappe endlich begriff, dass er gewonnen hatte.

Eine Menge alter Leute nahm an der Veranstaltung teil. Weiße, Schwarze, Puerto Ricaner bunt gemischt, eher weniger gut gekleidet, manche geistig rege, andere etwas skurril oder wirr und nicht mehr so ganz bei sich. Eines verband sie alle: Sie hingen dem Spiel mit einer Inbrunst an, als wäre Bingo der eigentliche Sinn des Lebens. Ihr Sinn. Das, was vom ohnehin erbärmlichen Leben übrig blieb, sobald man alt und nutzlos wurde. Soll bloß keiner kommen und vom Sinn des Lebens erzählen! Es gibt keinen!

Bevor ich mich wie diese bedauernswerten Kreaturen hier ins Altersheim stecken lasse, suche ich mir lieber ein einsames Plätzchen in der Nähe von Fire Island - wo Frank und ich öfters zum Jagen waren - und setze meinem Leben ein Ende. Genieße noch einen letzten Sonnenuntergang in Freiheit, statt ewig zu warten, bis sie die Geräte abstellen. Einen angemessenen Schlussstrich ziehen ... dazu sollte man aus eigener Kraft fähig sein, es sei denn, es erwischte einen wie Moe und wäre nicht einmal mehr dazu in der Lage.

Mein Blick fiel auf Moe im Rollstuhl neben mir am Tisch, die entstellte Gesichtshälfte mir zugewandt, halb verdeckt durch strähniges tiefschwarzes Haar, bizarrer Kontrast zu seiner leichenblassen Haut. Nur seine Lippen belebt, doch stumm. Automatisch suchte meine Hand seine Schulter, als versicherte sie ihm, die guten Zeiten kämen wieder. Würden sie nicht!

Nein, Moe hockt hier bis zum Ende seiner Tage, in einem der NYPD T-Shirts, die ursprünglich von Frank stammten und die Moe ausschließlich trägt. Nach einer schweren Kopfverletzung vegetiert er nur noch vor sich hin, kann weder sprechen noch sich anderweitig ausdrücken, hat aber so lange sämtliche Shirts vollgesabbert, bis sie ihm nur noch Franks alte Sachen anzogen. Jetzt schienen seine sonst glanzlosen Augen vor Freude zu strahlen wie damals, als ich ihm eben eines der Shirts aus Franks Fundus mitgebracht hatte.

Ausgerechnet für so 'nen bescheuerten Typen freute Moe sich; für einen, den alle hier nach dem Comichelden C APTAIN A MERICA nannten. Der quiekte ein weiteres Mal Bingo! Mary Lou, die dicke Puerto Ricanerin am Nachbartisch, fletschte die Zähne und hob protestierend ihren Talisman hoch, einen trommelnden Affen. "Hab ihn nich' aufgezogen. Überhaupt nich' gildet das nich' ...!", kreischte sie, als Captain America mit zittrigen Beinen aufstand, um sich vorn an der Bühne seinen Zehn-Dollar-Gewinn abzuholen. An der Wand gegenüber kreuzte sein Schatten den meinen. Musste schon ein merkwürdiges Bild abgeben, wie ich hier herausstach mit meiner Größe von 6.5 Fuß, leicht linkisch manchmal und doch von bulliger und kraftvoller Gestalt - Erbe irischer Vorfahren. Und mein Vermächtnis? Verdreht wie der Schatten an der Wand hatte das Leben weder mir noch den Meinen Glück gebracht. Ne, an einem bestimmten Punkt hatte ich mit Kumpel Pech unversehens einen auf Brüderschaft getrunken.

Noch stierte ich an die Wand und sah, wie sich ein anderer Schatten hinzugesellte und mit meinem verschmolz. Die Vergangenheit holte mich ein. Wieder einmal. Egal. Physisch mochte ich die Welt zwar wie ein Leuchtturm überragen, brachte aber statt Licht allenfalls Schatten zuwege. So wie diese beiden Schatten, von denen ich wusste, ihr Zusammentreffen bedeutete weiteres Unheil.

"McMahon ... Lieutenant Thomas McMahon?"

Beschreibung für Leser
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